Eine der am breitesten behandelten Sonderlehren bei den Zeugen Jehovas, dreht sich um die buchstäblichen 144.000, die uns in der Offenbarung des Johannes begegnen. Was daraus gemacht wird und welchen Einfluss es auf die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hat, ist einer Betrachtung wert.

Leiten sich doch aus dem buchstäblichen Deuten der Zahl 144.000 im Kontext der symbolgeladenen Offenbarung ab, wer eine „himmlische Hoffnung“ hegen darf und wer nur eine „irdische Hoffnung“. Wer eine Führungsrolle einnehmen kann bei den Zeugen Jehovas und wer eigentlich nicht. Warum die Gruppe der 144.000 schon viele Jahrzehnte voll ist – aber doch nicht ausstirbt.

144 000 Auserwählte – buchstäblich oder symbolisch?

Die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, ist anerkanntermaßen eine hoch-symbolische Schrift. Das wird auch von Jehovas Zeugen und ihrer Leitung, der leitenden Körperschaft, die sich der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft (WTG) bedient, so gesehen. In dem von ihr im Jahre 1988 herausgegebenen Buch Die Offenbarung – ihr großartiger Höhepunkt ist nahe! wird diese Aussage bestätigt und versucht, die ganzen Bilder und Symbole der Offenbarung zu deuten.

Um so erstaunlicher ist es, dass die leitende Körperschaft – und mit ihr natürlich Jehovas Zeugen – die in Offenbarung, Kapitel 7 und 14, genannte Zahl der dort erwähnten Auserwählten plötzlich als eine buchstäblich anzunehmende Zahl versteht und auslegt und damit eine ganze Reihe von Aussagen verbindet, wie zum Beispiel, dass es nur 144 000 gesalbte Christen gäbe, welche die Hoffnung haben dürften, einmal mit Christus zusammen im Himmel vereint zu werden. Sie seien auch die einzigen, welche beim jährlich zu feiernden Abendmahl die Befugnis hätten, von den Symbolen Brot und Wein zu nehmen, während alle anderen Gläubigen nur durch ihre Anwesenheit an diesem Mahl Anteil hätten, was zur Folge hat, dass in den meisten Versammlungen von Jehovas Zeugen beim Abendmahl oder Gedächtnismahl kein Anwesender an Brot und Wein teilhat. Darüber hinaus bezögen sich sehr viele, ja der größte Teil der Aussagen der Schrift, des sogenannten Neuen Testaments, über Wiedergeburt, Geistestaufe, den neuen Bund, die Versiegelung, das geistige Israel usw. nur auf diese 144 000. Die Berufung zu dieser himmlischen Klasse habe zu Pfingsten nach der Auferstehung Jesu begonnen und habe etwa im Jahre 1935 geendet; seither würde Gott Menschen, die zum Glauben an Christus kommen, nur noch zu einer Klasse mit irdischen Hoffnungen berufen, dargestellt von der großen Volksmenge in Offenbarung 7. Von der himmlischen Klasse befände sich heute nur noch ein Überrest von etwa 8000 auf der Erde.

In Verbindung mit diesen 144 000 gibt es dann noch die Aussage, dass Christus, der 1914 unsichtbar wiedergekommen sein soll, im Jahre 1918 zu seinem ‚geistigen Tempel‘ gekommen sei; damals seien die zu den 144 000 gehörenden in der Vergangenheit Verstorbenen auferweckt worden, und die in unserer Zeit Sterbenden würden sofort bei ihrem Tod auferweckt und mit Christus vereint. Nachzulesen sind diese Aussagen in dem oben erwähnten Buch der WTG, Kapitel 19 und 29, sowie in den Wachtturm-Ausgaben (WT) vom 1.7.1982, Das Königreich und die Auferstehungshoffnung, Absätze 8-10, WT vom 15.1.1993, Entrückt zur Begegnung mit dem Herrn – Auf welche Weise? und WT vom 15.10.1988, Dies ist der Tag aller Tage, Absätze 11-13.

Es sollen an dieser Stelle nicht die Auslegungen der WTG bezüglich der Offenbarung oder auch nur bezüglich der 144000 untersucht werden. Wie wenig dauerhaft solche Auslegungen sind, kann man schon daraus erkennen, dass sich die WTG in diesem Jahr 2006 genötigt sah, für das oben angeführte Buch in ihrem monatlichen internen Mitteilungsblatt ‚Unser Königreichsdienst‘ eine vierseitige Beilage mit Berichtigungen zu veröffentlichen. An dieser Stelle soll nur die Frage besprochen werden, ob die Argumente, die Zahl 144 000 buchstäblich zu nehmen, begründet sind oder ob es schwerwiegende Gegenargumente gibt.

Fragen der Logik

Wie schon erwähnt, sieht auch die WTG die Offenbarung als ein Buch voller Symbolik an. Das trifft auch auf die Aussagen über die 144 000 zu. Nach Offenbarung 7:3-8 werden sie zu je 12 000 aus 12 israelitischen Stämmen entnommen; das ist – nach Auffassung der WTG – symbolisch zu verstehen; in Kapitel 14, in den Versen 1-5, wird von ihnen gesagt, dass sie auf dem Berg Zion stehen – symbolisch -, dass sie den Namen des Lammes und den Namen seines Vaters an ihren Stirnen geschrieben haben – symbolisch -, sie singen ein neues Lied, das außer ihnen niemand lernen konnte – symbolisch – (sie singen das Lied vor den vier lebendigen Wesen und vor den in Offenbarung, Kapitel 4, Kapitel 5 und Kapitel 14 erwähnten Ältesten; da aber diese in der Offenbarung benannten Ältesten nach Auslegung der WTG eben die 144 000 darstellen, singen sie das Lied sozusagen vor sich selbst!?!) – sie haben sich nicht mit Frauen befleckt, sondern sind jungfräulich – symbolisch –und sind eine Erstlingsfrucht für Gott und das Lamm – symbolisch!

Im Grunde sind also alle Aussagen über die 144 000 voller Symbolik, nur die Zahl selbst soll plötzlich buchstäblich zu verstehen sein, obwohl die WTG selbst an vielen anderen Stellen die Zahl 12 oder die Zahl 10 und ihre Vielfachen als Symbolzahlen deutet. Man muss sich fragen, ob hier nicht ein deutlicher Mangel an Logik zu erkennen ist.

Es geht jedoch noch weiter. Nach Lehre der WTG galt die Berufung Gottes seit Pfingsten nach der Auferstehung Jesu bis etwa ins Jahr 1935 ausschließlich für diese Klasse, erst danach für die ‚große Volksmenge‘. Erinnern wir uns nun, dass Jesus bei seinem Abschied von den Jüngern die Zusicherung gab, er sei bei ihnen alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (Matthäus 28:20), das heißt, bis zu seiner Wiederkunft.

Die Apostelgeschichte berichtet, dass es schon bald nach dem Tod Jesu Tausende von gläubigen Christen gab und dass, als das Evangelium auch die Nationen erreichte, Juden in Griechenland den Christen den Vorwurf machten, den Erdkreis mit ihrer Botschaft aufgewiegelt zu haben (Apostelgeschichte 17:6). Nach Lehre der WTG sind heute immer noch etwa 8000 Glieder dieser Klasse auf Erden. Wenn man also für das erste Jahrhundert und für unsere Zeit etwa 20000 Christen von den 144000 abziehen würde – die angenommene Zahl ist nur beispielhaft, willkürlich und bestimmt zu gering angesetzt -, dann verblieben Christus dem Herrn für die restlichen 1800 Jahre jährlich nur etwa 70 Christen, bei denen er bleiben könnte, also weniger als er an Jüngern und Nachfolgern hatte, als er auf Erden war. Eine eigenartige Ansicht! Logisch? (Und wo wäre da denn noch eine leitende Körperschaft anzusiedeln, die ja nach heutiger Lehre der WTG seit dem Jahre 33 n.Chr. bestanden haben soll?)

Nun weiß aber auch die WTG, dass in den ersten drei Jahrhunderten, den Jahrhunderten schwerster Christenverfolgung, viel mehr Christen umkamen als 144000. Im WT vom 15.10.1952 wird in dem Artikel Gehaßt um seines Namens willen von 10 großen Christenverfolgungen gesprochen, in deren Verlauf zum Beispiel in der Provinz Ägypten allein schon 144 000 Christen umkamen. Wohin wurden denn diese Menschen berufen, wenn doch die Zahl der 144 000 längst voll war – alle mir bekannten und sich mit dem Thema befassenden Historiker bestätigen, dass in der Zeit der Urkirche und der frühen Christenverfolgungen weitaus mehr als 144 000 Christen lebten – und die Berufung für die große Volksmenge noch Jahrhunderte auf sich warten ließ? Logisch?

Auch eine andere Deutung der WTG spricht gegen die Buchstäblichkeit der Zahl der 144 000. In Galater 4:22-28 spricht Paulus unter dem Bild der beiden Frauen Hagar und Sara als von zwei Bündnissen; Hagar steht für den Sinaibund und demnach für das fleischliche Israel, für das jetzige Jerusalem. Sara aber steht für den neuen Bund, das Jerusalem droben, dessen Kinder Christen sind. Die WTG bezieht den Text denn auch auf die 144 000. Doch wenn sie die Zahl buchstäblich nimmt, wie erklärt sie dann die Aussage in Vers 27, dass die Kinder der Einsamen (Sara) mehr seien, also zahlreicher, als die derjenigen, die den Mann hat (Hagar). Es gab in der Weltgeschichte sehr viel mehr als 144000 Israeliten nach dem Fleische. Gegenwärtig soll es weltweit um die 15 Millionen Juden geben. Bei der Einnahme Jerusalems durch die Römer kamen über 1 Million Juden um. Wie könnten dann buchstäbliche 144 000 mehr sein als die Abkömmlinge Israels nach dem Fleische? Ist das logisch?

Probleme der Auslegung im Zusammenhang mit den 144 000

Wie aus den oben erwähnten WT zu ersehen ist, lehrt die WTG, dass Christus im Jahre 1914 unsichtbar wiedergekommen sei, dann 1918 seinen geistigen Tempel aufgesucht habe und die bis dahin verstorbenen Glieder der 144 000 auferweckt habe. Auch der WT vom 1.1.2007 schreibt in seinem Artikel „Die erste Auferstehung“ – schon im Gange! auf Seite 28, Absätze 11-12, dass die erste Auferstehung zwischen 1914 und 1935 begonnen habe und zieht die Schlussfolgerung, dass dies wohl im Frühjahr 1918 gewesen sei. Im Gegensatz zu den im nächsten Absatz erwähnten biblischen Aussagen über die Auferstehung der in Christus Verstorbenen und über die Entrückung der dann noch lebenden Christen, die in einem Nu, in einem Augenblick stattfinden würde, und somit würden beide Gruppen gemeinsam, zugleich dem Herrn entgegengebracht werden, sagt dieser WT vom 1.1.2007 auf Seite 28, Absatz 13: Die erste Auferstehung findet nicht für alle zusammen zum gleichen Zeitpunkt statt, sondern sie erstreckt sich über eine Zeitspanne Hier weiß es der WT wieder einmal besser als die Bibel..

Es ist immer schwierig, gegen unsichtbare Ereignisse zu argumentieren, obwohl die Bibel von der Wiederkunft Jesu eine andere Vorstellung vermittelt (Lukas 17:23-24). Aber über die Auferstehung der entschlafenen Christen macht die Bibel denn doch eine Aussage. In 1.Korinther 15:51-52 sowie in 1.Thessalonicher 4:15-17 wird eindeutig geäußert, dass bei der Wiederkunft Christi die Toten in Christus auferweckt und die dann noch lebenden Christen gemeinsam, zugleich mit ihnen, zum Herrn entrückt würden. Diese Entrückung hatten ja die Vorläufer der heutigen Zeugen Jehovas, die Ernsten Bibelforscher, unter der Leitung von C.T. Russell, schon 1914 erwartet. Doch nach heutiger Aussage sind ja noch etwa 8000 dieser Personengruppe auf der Erde und erwarten ihren persönlichen Tod. Demnach, gestützt auf die Aussagen der Bibel, müsste man eigentlich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Entrückung noch nicht stattgefunden hat; wenn dem aber so ist, dann ist auch das von Jehovas Zeugen verkündete Jahr 1914 n.Chr. als Zeitpunkt der unsichtbaren Wiederkunft Jesu Christi abzulehnen, denn dann ist Christus noch nicht wiedergekommen.

Ergebnis

Wenn man biblische Aussagen, historische Fakten und sinnvolle Auslegungen zusammenfasst, muss man zu dem Schluss kommen, dass es keine Gründe gibt, die in Offenbarung 7 und 14 erwähnte Zahl der 144 000 als eine buchstäbliche Zahl aufzufassen. Gewiss, es handelt sich hier nicht um eine Basislehre des Christentums. Aber wie indoktriniert sind Menschen, und welchem autoritären Zwang unterliegen sie, wenn es ihnen nicht einmal möglich ist, in ihren eigenen Reihen solche Aussagen in Frage zu stellen und frei zu diskutieren! Sollte sich die WTG je entschließen, die Deutung der Zahl als eine symbolische zu übernehmen, dann würden Jehovas Zeugen dies mit Begeisterung als ‚neues Licht‘ vom nächsten Tage an vertreten. Eine solche Haltung mag eine leitende Körperschaft erfreuen, ob sie auch Christus, den Herrn, erfreut, der uns aufforderte zu prüfen (Lukas 11:35), diese Frage mag sich jeder selbst beantworten!

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